Wahlkampf-Radar Berlin

Erhebungsgrundsätze & Methodengrenzen

Methodischer Ansatz

Der Tracker läuft ohne redaktionellen Eingriff. Genau deshalb muss nachvollziehbar sein, wie er entscheidet. Diese Seite beschreibt die Regeln, die für jede der sechzehn Auswertungen gelten — einschließlich der Regeln, die etwas verbieten.

Vier Quellenebenen, die nie vermischt werden

Alles, was der Tracker liest, gehört zu genau einer von vier Ebenen. Diese Trennung ist keine Formalie, sondern die zentrale Vorkehrung gegen eine bestimmte Verzerrung: Die einzige Quelle mit echtem Stundenvolumen in Berlin ist die Kommunikation von Senat und Behörden. Würde sie ungewichtet mitgezählt, bestünde der Korpus überwiegend aus Regierungsstimme, und die regierenden Parteien sähen automatisch aktiver aus.

Ebene 1Analysekorpus

Was die Parteien selbst veröffentlichen. Nur diese Ebene erzeugt Parteianteile.

Ebene 2Medienresonanz

Was Redaktionen schreiben. Wird nie in denselben Korpus wie Ebene 1 gerechnet.

Ebene 3Strukturraster

Wahlkreise, Kandidaturen, Wahlprogramme. Feste Rahmendaten, keine Tageskommunikation.

Ebene 4Taktgeber

Termine, Aufmerksamkeitssignale, amtliche Meldungen. Liefert Zeitpunkte, nie Parteianteile.

Die Themenliste ist abgeleitet, nicht erfunden

Die sechs Themen plus Restkategorie stammen aus den Wahlprogrammen aller sieben Parteien und wurden gegen die 38 Thesen des Wahl-O-Mat gegengeprüft. Das kostet Zeit und verhindert den naheliegendsten Vorwurf gegen solche Projekte: dass die Kategorien so geschnitten wurden, dass ein bestimmtes Ergebnis herauskommt.

Nr.Thema
1Wohnen, Mieten und Bauen
2Verkehr, Klima und Umwelt
3Innere Sicherheit, Justiz und Rechtsstaat
4Migration, Integration und Vielfalt
5Soziales, Gesundheit und Bildung
6Wirtschaft, Arbeit und Haushalt
7Sonstiges — Kultur, Sport, Verwaltung, Bundes- und Außenpolitik

Was zu jedem Text erhoben wird

MerkmalWerte
Hauptthemaeines der sechs Themen oder Sonstiges
Nebenthemadieselbe Liste, nur wenn eigenständig behandelt — erzeugt dann einen eigenen Eintrag
Sprechhandlungfordern · ankündigen · kritisieren · verteidigen · informieren
Angriffszieleine oder mehere Parteien, Senat, Bund, sonstige — nur bei „kritisieren"
Parteibezugbei Medientexten: Hauptgegenstand oder Randerwähnung
Kernaussageein Satz in eigenen Worten, ohne wörtliches Zitat
Programmbezuggedeckt · nicht enthalten · abweichend, mit Belegpunkt
Narrativfrei formuliert: Diagnose, Verursacher, Lösung

„Sprechhandlung" statt „Tonalität": Handlungen sind beschreibbar, Stimmungen sind Auslegung. Und ausdrücklich keine wörtlichen Zitate — jedes Zitat wäre ein eigenes urheberrechtliches Risiko, und die Kernaussage lässt sich in eigenen Worten genauso gut fassen.

Wie geprüft wird — und was nicht behauptet wird

Ein früherer Entwurf sah 200 von Hand codierte Dokumente und eine gemessene Übereinstimmung zweier Codierer als Messlatte vor. Beides ist entfallen, weil es in der verbleibenden Zeit nicht zu leisten war. Das steht hier, statt stillschweigend zu verschwinden.

An seiner Stelle steht eine Stichprobenkontrolle: 50 Dokumente einmal nach dem ersten Durchlauf, danach wöchentlich 30 weitere, die Hälfte davon aus den Fällen, die das Verfahren selbst als unsicher markiert hat. Das prüft, ob die Zuordnung plausibel arbeitet. Es ist keine Genauigkeitsmessung, und der Tracker behauptet an keiner Stelle eine gemessene Trefferquote.

Damit die Zuordnung dennoch nachprüfbar bleibt, zeigt das Werkzeug auf Knopfdruck ein zufälliges Dokument mit allen vergebenen Merkmalen:

Zwei Dinge werden absichtlich eingefroren

Die Anweisung an das Sprachmodell. Jede Änderung daran macht alles vorher Erfasste unvergleichbar. Sie steht seit dem 28. August fest. Wird eine Änderung unvermeidbar, wird der gesamte Bestand neu erfasst und der Bruch dokumentiert — eine still nachgeschärfte Anweisung wäre der Fehler, der eine Zeitreihe wertlos macht, ohne dass es jemand merkt.

Die Suchabfragen. Sie sind hochempfindlich: Eine Abfrage lieferte 53 Treffer, eine scheinbar gleichwertige exakt null. Sie wurden getestet, dokumentiert und dann festgeschrieben.

Rechenregeln

Kleinste Einheit ist nicht das Dokument, sondern das Paar aus Partei und Thema. Ein Medienbericht kann Stimmen mehrerer Parteien zu mehreren Themen enthalten und liefert dann mehrere Einträge. Daraus folgt zwingend:

  • Verglichen werden Anteile, nie absolute Stückzahlen.
  • Auswertung über die Gesamtlaufzeit, Verläufe im gleitenden Fenster von 14 Tagen.
  • Zellen mit weniger als zehn Einträgen werden nicht interpretiert und sind sichtbar gekennzeichnet — in den Diagrammen mit dem Kürzel n<10, wobei n für die Zahl der Einträge steht.
  • Jede Zahl trägt ihre Fallzahl mit sich. Keine Signifikanztests — bei dieser Datenlage wären sie Zierrat.
  • Fällt eine Quelle aus, wird die Lücke ausgewiesen, nicht geschätzt.
Ein offen benannter Nachteil

Für die Grünen und das BSW liegt zusätzlich zum Landesverband der Kanal des jeweiligen Spitzenkandidaten vor. CDU, Linke, AfD und FDP haben kein Gegenstück. Die Zusatzquellen bleiben drin, sind in den Daten eigens markiert und werden hier benannt — sie zu verstecken wäre genau die Kaschierung, die dieses Projekt sich verbietet. Zusätzliches Volumen verzerrt Anteilsrechnungen nur dann, wenn die Themenmischung der Zusatzquelle systematisch von der des Landesverbands abweicht, nicht schon durch die bloße Menge.

Was der Tracker ausdrücklich nicht leistet

Diese Liste steht nicht aus Bescheidenheit hier. Jede Zeile räumt eine Erwartung ab, die sonst zwangsläufig entsteht — und deren Enttäuschung dem Projekt mehr schaden würde als jede Lücke.

  • Kein Faktencheck. Gemessen wird, was gesagt wird, nicht ob es stimmt.
  • Keine Wirkungsmessung. Kommunikationsdaten und Umfragewerte stehen nebeneinander, nie in einem Erklärungsverhältnis.